In fremden Häusern

Bis in den Peak District verbrachten Marley und ich unsere Nächte auf Campingplätzen. Meine letzten Campingerfahrungen liegen über 25 Jahre zurück und waren nicht immer die besten, zumindest was die Sanitäranlagen betraf. Daher hatte ich mich im Vorfeld mit diversen Accessoires wie papierenen WC-Brillen und jeder Menge Desinfektionsmittelchen ausgestattet. Außerdem wurde ich Jahresmitglied im Caravanclub, da die Plätze im Allgemeinen eine sehr gute Lage haben und ein gleichbleibendes Niveau garantieren und so war es auch. Im Prinzip war ich dann vom Campen ganz angetan: Man ist viel draußen, hält ein Schwätzchen mit dem Nachbarn, kuschelt sich ins eigene Bett. Die Caravanclub-Plätze gleichen einer Jahresausstellung der Motorhome- und Wohnwagenindustrie; wir waren der „schwarze Hund“ auf dem Platz. Apropos: Der Hund machte auch gut mit, musste allerdings immer irgendwie festgebunden sein oder im Auto warten.

Bei sanftem Regenschauer saß es sich gemütlich unter der Markise oder im Bus. Im Peak District war das Wetter dann nicht mehr so lauschig. Zwei halbe Tage plus Nächte verbrachten wir im Bus und wendeten uns von einer Seite auf die andere. An draußen sitzen war bei dem Wind (der Nachbar befestigte tagsüber die Markise netterweise mit Heringen…) und hereinwehender Nässe nicht mehr zu denken. Also griff Plan B:

AirBnB. Glücklicherweise war es kein Problem, im Vergleich zum Caravanclub-Platz geringfügig teurere Zimmer mit Hund zu finden. Außerdem bekommt man einen Einblick in britische Haushalte und Kontakt zu Einheimischen. Auf dem Campingplatz spricht man doch immer nur mit anderen Touristen.

Gesucht, gebucht, hingefahren. Es folgt eine kleine Übersicht:

So kamen wir zu Pam in New Mills, die früher Krankenschwester war, heute Betreuungsdienste anbietet. Sie war supernett, großzügig, das Zimmer prima, das Häuschen typisch: Man steht erstmal direkt im Wohnzimmer, steigt dann schmale Stiegen hinauf und hinunter. Ihr kleiner Hund Milo war genauso großzügig und teilte mit Marley die Berge an Spielzeugen, die im ganzen Haus verteilt lagen.

Nächste Station war Annes Haus in Yorkshire. Anne selbst sah ich nur kurz bei der Ankunft und dann gar nicht mehr, weil sie nach Newcastle fahren musste. Ihre Tochter Beth fragte einfach morgens immer mal, ob ich noch was bräuchte.

In Newcastle wurden wir von Simon und Louise herzlich willkommen geheißen. Ich konnte in die Küche, wann ich wollte, Wäsche waschen, wann ich wollte, alles war immer ok. Diese Menschen lassen (zwar zahlende) Besucher mitten in ihr Haus und teilen ihre Räume mit Leuten, die sie überhaupt nicht kennen. Nicht nur das, ich bin ja auch mal alleine in diesen Häusern. Das finde ich schon bemerkenswert, das könnte ich mir zu Hause nicht vorstellen. Simon und Louise sind selbst gerne auf weiten Reisen unterwegs und mit ihnen hatte ich gute Gespräche, auch über die politische Lage in Großbritannien. Louise kümmert sich um Immobilien und Simon bietet von zu Hause Softwaredienste für kleinere Unternehmen an.

Debbie, die Yogalehrerin, war meine Herbergsmutter in einem kleinen Ort bei Edinburgh. Ihre zwei Salukis waren nett und anschmiegsam, aber Marley fletschte nachhaltig die Zähne, wenn er sie durch die Glastür erblickte, was Debbie nicht daran hinderte, meinen Hund in der späteren Bewertung als „supremely well behaved“ zu bezeichnen. Danke, Debbie!

Margaret aus den Highlands war erstmal überhaupt nicht anwesend. Sie fuhr gerade selbst quer durch England, ich konnte dank Schlüsselbox ins Haus hinein. Auch hier: Was für ein Vertrauen! Sie kam erst mitten in der Nacht an und wurde von Marley in ihrem eigenen Zuhause verbellt. Zum Haushalt gehört noch Ria, eine 14-jährige Springerspanielhündin, die durch das Schwimmen in Lochs immer noch springlebendig ist (man beachte das Wortspiel… ha). Am nächsten Morgen gab sie, also Margaret, mir Wandertipps im Bademantel (hat der Brite an sich offenbar gerne morgens an). Zwischendurch sahen wir uns immer nur kurz, da sie sich zur Arbeit jeden Tag nach Fort William einmal über die Highlands und zurück schwingt. Auf jeden Fall fühlte ich mich in meinem Zimmer mit grandioser Aussicht sehr wohl.

Zum aktuellen Zeitpunkt befinde ich mich im Heim von Michael und Jessica, wobei Jessica gerade ihre 94-jährige Mutter besucht, die seit 30 Jahren in Portugal lebt. Michael wurde am Tag meiner Ankunft 75. Das riesige Haus thront über einem kleineren Loch. Insgesamt können sie 7 Gäste bewirten und über den Sommer waren die Zimmer anscheinend komplett ausgebucht. Es gibt jeden Morgen ein fürstliches Frühstück. Gimmick für Marley ist Dulcie, eine kleine temperamentvolle Labradorhündin, die wir zum Morgenspaziergang mitnehmen. Mehr als 10 Minuten mit ihr halten Marleys Nerven allerdings nicht aus…

Michael ist „Coach“ und ich höre einige von euch schon aufseufzen. Ich habe noch nicht so richtig herausbekommen, was er in seinem erwerbstätigen Leben gemacht hat. Mittlerweile begreift er als seine Aufgabe, Mitmenschen von Blockaden in den Chakras zu befreien. Er habe nach Jahrzehnten Aikido- und Yogatrainings begriffen, dass die Wurzel allen Übels der Menschheit in nicht gelösten Blockaden des Einzelnen liegt. Auch der Klimakatastrophe könne damit geholfen werden. Das klingt jetzt ein bisschen sarkastisch, so wie ich das schreibe und verkürzt mit Sicherheit die vielen Gedanken und Erfahrungen, die er zu dem Thema gemacht hat. Trotz meiner eingeschränkten Fähigkeiten der Nutzung der englischen Sprache in passiver und besonders aktiver Hinsicht, glaube ich nicht, dass die Lösung aktueller Probleme so „einfach“ ist. Außerdem bin ich mit Diskussionen dieser Art zur Frühstückszeit fraglos überfordert.

In der nächsten Woche gondele ich an der Westseite Schottlands wieder nach Süden. Hier habe ich leider keine passenden AirBnBs für uns gefunden, so dass ich auf zwei Hotels ausweichen muss. Mal gucken, wer uns da begegnet…

Veröffentlicht von moggimobil

In den nächsten 11 Monaten möchte ich viel unterwegs sein, die meiste Zeit zusammen mit meinem Labrador. Das ist möglich geworden durch mein Sabbatjahr, das nun begonnen hat. Wer mag, kann mich über den Blog ein wenig dabei begleiten.

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